Warum wir das Kiso-Tal im Oktober gehen
Notizen zum Nebensaison-Tempo und gegen den Kirschblüten-Kalender.
Von Kenji Watanabe

Der Kirschblüten-Kalender ist eine Fiktion, die dem japanischen Tourismus mehr geschadet hat als jede Pandemie. Zwei Wochen lang stehen 40 Millionen Menschen an denselben Stellen. In den anderen fünfzig Wochen ist das Land leer.
Wir gehen den Nakasendo zwischen Magome und Tsumago im Oktober. Die Zeder duftet nach Regen, die Reisernte ist eingebracht, die Minshuku-Wirtinnen haben Zeit. Wo im April drei Reisegruppen pro Stunde durchziehen, sieht man im Oktober vielleicht ein Paar aus Osaka.
Der Oktober-Kiso bringt eine Erkenntnis, die die Frühjahrsversion nicht liefern kann: Diese Poststädte sind bewohnte Orte, keine Kulissen. Die 78-jährige Wirtin, die uns seit sieben Jahren beherbergt, spricht im April kein Wort mit Gästen — sie hat keine Sekunde Zeit. Im Oktober sitzt sie nach dem Essen mit uns am Herd.
Die zweite unpopuläre Wahrheit: Novemberlaub ist besser als Kirschblüte. Die Ahornrottöne im oberen Kiso sind spektakulärer und dauern drei Wochen, nicht zehn Tage.
Wir haben aufgehört, März- und April-Anfragen für Kyoto zu akzeptieren. Nicht aus Prinzip — sondern weil wir dort keine ehrliche Erfahrung mehr liefern können. Wer trotzdem im Frühjahr will, bekommt eine andere Route.
Dieser Text erschien im Journal des Fernweh Ateliers. Alle Reisen, Programme und Partner werden von unseren Experten geplant und begleitet.


